Insight

Reichsmark

03.02.2006 | No Comments

Ich bin gerade von meinem Friseur zurückgekommen und wie nach allen Besuchen in den letzten Monaten in sehr gedrückter Stimmung. Nicht, weil er mir über sinkende Kundenzahlen und steigende Arbeitslosenzahlen geklagt hat. Und auch ihm persönlich geht es eigentlich bestens. Aber er wird Mitte Juni diesen Jahres seinen Laden schließen. Nicht aus den oben genannten Gründen sondern altersbedingt. Dazu sollte man wohl erwähnen, dass er keinen dieser modernen “10 Euro fürs Schneiden, Trocknen kostet aber extra” Salons hat, keine Flatscreen Monitore auf denen 24/7 MTVIVA läuft, keine durchgestylten Friseusenazubis. Nur seine Frau und er. Ein Herrenfriseur der alten Schule. Der in seinem Anfangsjahr noch in Reichsmark bezahlt wurde!

Jedesmal höre ich ihm, selbst ein bißchen wehmütig, zu wie er, während er mit Schere und Kamm (bzw. Haarrasierer) meinen Kopf bearbeitet, von den Anfängen erzählt als er selber noch Auszubildender war, wie er schließlich seinen eignen Salon eröffnete und wie seine Frau in sein Leben (und in den Laden) eintrat. Dass er inzwischen 90jährige Kunden hat, die ihm mehr als 45 Jahre (!) die Treue gehalten haben, die sich noch erinnern können wie er damals ihnen vor dem Rasieren warme, feuchte Kompressen auf das Gesicht legte, damit sich die Barthaare besser rasieren ließen. :) Das ganze Inventar des kleinen Salons (unterteilt in Herren- und Damensalon :)) stammt aus den vergangenen Jahrzehnten, die Trockenhauben sind schon mind. 15 Jahre alt, von den Wasser- und Heizungsleitungen ganz zu schweigen (Boiler :)). Und auch ich bin ihm seit meinem ersten Besuch nicht untreu geworden (immerhin mehr als 20 Jahre…), da kamen dann die Erinnerungen hoch, wie ich als kleiner Pimpf auf dem großen Friseurstuhl saß und ein Mickey Mouse Heft zum Lesen bekam damit ich meinen Kopf ruhig hielt. :)

Damit verschwindet wohl der letzte Herrenfriseur aus Bayreuth und mit ihm jemand, der mich seit meiner Geburt Jahr für Jahr begleitet hat (und bei dem auch die Preise seit Jahren unverändert günstig geblieben sind). Schon merkwürdig eine mentale Beziehung zu seinem Friseur aufzubauen, oder? Auch wenn es bei Freunden immer wieder Unglauben und Unverständnis hervorruft, dass ich trotz meiner durchschnittlichen Haarlänge (4-15 mm) einen Friseur aufsuche und nicht selber zum Haarschneider gegriffen habe, ich konnte es nicht sein lassen. Aber auch diese Ära wird bald ein Ende haben, noch vielleicht 3 Besuche und ich werde mir etwas Neues überlegen müssen. Oder endlich so einen Haarschneider kaufen.
Jetzt muss ich erstmal Haare waschen, alles voller kleiner Haarstoppeln .

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